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Prototyp der Mercedes Benz S-Klasse am Grossglockner © Wolfgang Simlinger für motorclassic.at
Prototyp der Mercedes Benz S-Klasse am Grossglockner © Wolfgang Simlinger für motorclassic.at
So sieht's innen aus... © Wolfgang Simlinger für motorclassic.at
Auch in diesem Audi Q7 steckt jede Meneg neuer Technik © Wolfgang Simlinger für motorclassic.at
Mercedes Benz CLK in "Tarnkleidung" © Wolfgang Simlinger für motorclassic.at
Das Stilfser Joch, eine Hot-Spot für "Erlkönige" © Wolfgang Simlinger für motorclassic.at
Teststrecke bei St.Valentin © Wolfgang Simlinger für motorclassic.at
Das Gebläse meines Volvo ist offenbar für manche interessanter als der Erlkönig daneben © Wolfgang Simlinger
erst erwischt, als er schon am Markt war: Ferrari Enzo © Wolfgang Simlinger für motorclassic.at
Mercedes Benz 300 SL Prototyp, wahrscheinlich eine der berühmtesten... © Wolfgang Simlinger für motorclassic.at
"Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind“ – an diese Ballade von Johann Wolfgang von Goethe wird sich fast jeder noch erinnern können, viele von uns können zumindest die ersten Zeilen noch auswendig. Autofans kennen aber den Begriff des „Erlkönigs“ aus einem anderen Zusammenhang. Er bezeichnet gemeinhin einen Prototypen, meist mit irgendwelchen Verkleidungen, welche die Karosserieform verschleiern sollen. Seit den frühen 50er Jahren wird der Begriff von Motorjournalisten verwendet. Der erste Wagen, der diese Bezeichnung trug, war der Prototyp des Mercedes Benz 180 mit Ponton-Karosserie. Seit dieser Zeit geistern immer wieder Fotos von unförmig gestalteten Fahrzeugen durch die Medien, manchmal mattschwarz lackiert, sehr oft aber mit Folien und Kunststoff-Anbauteilen verunstaltet, damit der Betrachter über die eigentlich Form des Fahrzeugs im Unklaren gehalten wird.

Interessant sind die Fotos von den „Erlkönigen “ aber nur in den ersten Tagen. In dieser Zeit bewegen sich die Fahrzeuge hauptsächlich auf abgeschirmten Testgeländen oder Rennstrecken. Es gibt Fotografen, die sich auf das Ablichten von „Erlkönigen“ regelrecht spezialisiert haben, sie kennen die Plätze, von denen man einen Blick auf die Teststrecke erhaschen kann. Für diese Bilder wird auch noch wirklich Geld bezahlt.

Anders sieht es aus, wenn die „Erlkönige“ bereits auf öffentlichen Straßen unterwegs sind. Hier kennt man die Bilder bereits und nicht selten wird hier sogar das eine oder andere Foto „provoziert“. Erlkönige geben beliebte Fotomotive ab und die Bilder verbreiten sich schnell über soziale Netzwerke. Auf diese Art und Weise kann auch die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Fahrzeug gelenkt werden: man macht auf geheimnisvoll, erreicht dadurch, dass die Fahrzeuge Aufmerksamkeit erregen und sich die Bilder verbreiten.

Mittlerweile haben sich hier einige Hot-Spots etabliert. Neben diversen Rennstrecken sind es auch bekannte Alpenstrassen, auf denen man regelmäßig „Erlkönige“ zu Gesicht bekommt. Das Stilfser Joch gehört dazu, die Grossglockner Hochalpenstraße, aber auch einige Strecken in den Dolomiten werden regelmäßig von Prototypen befahren – und das nicht in den düsteren Morgenstunden, sondern bevorzugt bei Schönwetter und bei hoher Besucherfrequenz. Natürlich habe auch ich einige „Erlkönige“ abgelichtet, die ersten Erlebnisse mit diesen Fahrzeugen hatte ich allerdings bereits in den 70er Jahren. In der Nähe meines Elternhauses gibt es eine Teststrecke. Diese Strecke war bis in die 90er Jahre frei zugänglich, als Kind lernte ich dort Fahrradfahren und als Jugendliche drehten wir am Wochenende dort unsere Mopedrunden. Unter der Woche waren dort immer wieder Testfahrzeuge unterwegs, die Probefahrten der ersten Puch G wurden dort durchgeführt, VW T3 Syncro konnten wir das erste Mal im Gelände sehen und auch diverse LKW-Prototypen waren regelmäßig auf der Strecke im Einsatz. Damals wurde mit der ganzen Sache noch relativ locker umgegangen, die Prototypen standen nach der Testfahrt im Gelände oder im Wald herum. Nach der Übernahme durch Magna wurde das Testgelände modernisiert und großräumig abgeriegelt.

Am Stilfser Joch gab es vor ca. 20 Jahren dann das erste Mal „Feindberührung“ mit einem „Erlkönig“. Auf dem Weg nach Frankreich unternahm ich einen Abstecher über die legendäre Alpenstraße. Ich hatte nicht mit einem derartigen Verkehrsaufkommen gerechnet – eine langsam fahrende Kolonne wälzte sich die Serpentinen hoch. Die Nadel der Temperaturanzeige näherte sich schon bedrohlich dem roten Bereich, als von hinten ein Fahrzeug näher kam. Der Fahrer kannte offenbar die Strecke und wusste, wo man überholen konnte. Ich ließ ihn überholen hängte mich aber hinter ihn dran in konnte so wieder Fahrt aufnehmen und die Kolonne gut überholen. In einer Kurve hatte ich aber Pech: hinter der Kurve stand ein Bagger und lud gerade Schotter auf einen LKW. Der Fahrer des Wagens vor mir bremste scharf ab, ich kam auf dem Schotter ins rutschen und fuhr hinten auf den Wagen auf. Es machte einen dumpfen Knall, den Fahrer des Wages störte es aber nicht, er gab Gas und fuhr zügig bis auf die Passhöhe weiter. Oben angekommen betrachteten wir den Schaden. Es war nicht viel passiert: bei meinem Unfallgegner war kein Schaden erkennbar, an meinem Auto war die Kennzeichenhalterung gebrochen und das Markenemblem verbogen. Als ich meine Kamera holte und die Fahrzeuge fotografieren wollte, winkte der Fahrer ab: „Bloss keine Fotos!“ Da wurde mir erst bewusst, um welches Fahrzeug es sich handelte: der Wagen hatte keine Aufschrift und keine Markenembleme und war innen Vollgepackt mit Elektronik. Am Beifahrersitz saßen Dummies, mit Wasser gefüllte Plastiktorsos. Der Fahrer machte sich wieder auf dem Weg nach unten (er hatte offenbar sein Fahrpensum zu erfüllen) und mit blieb der Mund offen stehen. Wenige Wochen später wurde der Wagen übrigens als Lancia Zeta präsentiert.

In den Jahren danach kamen mir immer wieder „Erlkönige“ vor die Linse. Manche gaben ein interessantes Motiv ab, andere wirkten als Erlkönig bereits so langweilig, dass ich nicht mal die Kamera hervorkramte.

Einen hab ich allerdings verpasst: bei einer Reise nach Italien machten wir Station in Maranello. Wir mieteten uns in einer Pension ein und ließen uns am Abend den Wein in einer Bar gut schmecken. Schlaftrunken gingen wir am nächsten Tag Frühstück holen, als uns direkt vor dem Firmengelände von Ferrari der Prototyp des Ferrari Enzo entgegenkam. Durch meinen nächtlichen Weinkonsum war meine Reaktion derart eingeschränkt, dass ich die Kamera nicht ans Auge brachte und aus meinem Mund nur ein verzweifeltes „Das geht sich nimmer aus“ herauskam....