<<<  |  verpixelte Nummernschilder
ein grässlich verpixeltes Kennzeichen hat am Auto nichts verloren © Wolfgang Simlinger
schaut doch gleich besser aus © Wolfgang Simlinger
© Wolfgang Simlinger
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© Wolfgang Simlinger
Immer wieder tauchen im Internet Fotos von Fahrzeugen mit teilweise grässlich verpixelten Nummernschildern auf. Als Fotograf, der sich viel mit dem Thema Mobilität beschäftigt, bin ich auch immer wieder mit der Thematik konfrontiert und habe mir darüber ein paar Gedanken gemacht.

Woher kommt die Geschichte mit der Verpixelung?
Darüber kann ich nur spekulieren, ich gehe aber davon aus, dass die Sache ihren Urspurng in der Tuning-Szene hat. Bei Fahrzeugen aus dieser Szene sah ich das erste Mal verpixelte oder abmontierte Nummernschilder. Das absurde daran war, dass die Fahrzeuge teilweise extrem auffällig waren und teilweise sogar die Namen von Fahrer und Beifahrer auf den Seitenscheiben klebten (so wie es die Rennfahrer machen). Eine Erklärung dafür gab es nicht. "Man darf das nicht", "Es steht im Gesetz so"...
Also hab ich mich mal schlau gemacht und mich in die rechtliche Situation ein wenig eingelsen. Im rechtlichen Sinne gilt das Fahrzeug als "Sache" inklusive dem daran montierten Nummernschild. Ein Fahrzeug besitzt daher kein Persönlichkeitsrecht (auch wenn es sich mancher Besitzer einbildet). Recherchiert man ein wenig im Netz, so taucht ein Rechtsstreit auf, der im Langericht Kassel verhandelt wurde und bei dem die Klage abgewiesen wurde. Auch im Gespräch mit befreundeten Juristen können mir keine weiteren Fälle genannt werden. Die 2018 eingeführte DSGVO wirft in dieser Angelegenheit einige Fragen auf, bleibt aber viele Anworten schuldig. Im Netz wird seitenlang diskutiert "was wäre wenn", ich habe bis jetzt aber weder einen Gesetzestext gefunden, der expliziert die Veröffentlichung verbietet, noch eine Quelle zu juristischen Präzedenzfällen.

Ich verzichte daher weitgehend auf eine Verpixelung der Kennzeichen und möchte dafür einige Gründe anführen:


• Das Nummernschild gehört zum Fahrzeug: viele Fahrer von Oldtimern sind stolz auf ihr Nummernschild. Entweder ist auf ihrem Fahrzeug noch ein originales, altes Nummernschild zu sehen oder sie haben in ein Wunschkennzeichen investiert, das zum Fahrzeug passt. In Oldtimermagazinen und auf den Webseiten der Oldtimerszene sind die Fahrzeuge überwiegend mit den originalen Kennzeichen abgebildet, vielleicht auch bewusst, um sich von der Tuning-Szene abzugrenzen.

• Wir bilden die Fahrzeuge ausschliesslich in positivem Kontext ab: Wir wollen mit unseren Bildern Spass an der Oldtimerei vermitteln und nicht Fahrer bloßstellen oder Verkehrsübertretungen anprangern.

• Der überwiegende Teil unserer Fotos ensteht im Zuge der redaktionellen Berichterstattung bei Rallyes und Veranstaltungen. Hier ist es ohnehin üblich, dass die Fahrzeuge vorgestellt werden, bzw. Fahrer und Beifahrer auf den Startlisten veröffentlicht werden. Es ist nicht wirklich verständlich, wenn jemand sich und sein Fahrzeug auf einer Veranstaltung mit zahlreichen Besuchern präsentiert, dann aber auf eine Verschleierung des Kennzeichens besteht.

• Ein Fahrzeug ohne erkenntliche Nummerntafel stellt eine Verkehrsübertretung dar. Darum verzichten wir weitgehend auf die Darstellung von Fahrzeugen ohne Nummernschildern.

• Eine Zuordnung aufgrund des Nummernschildes ist in den meisten Ländern Privatpersonen unmöglich. Lediglich in einigen schweizer Kantonen besteht diese Möglichkeit auch für Privatpersonen.

• Bei speziellen Oldtimern kann diese Zuordnung noch am ehesten durch das Fahrzeug erfolgen: man kennt eher den Wagen als das Nummernschild.

• Bei Oldtimerveranstaltungen kann das Fahrzeug aufgrund der Startnummer dem Fahrer, bzw. dem Besitzer zugeordnet werden.

• Meine Fahrzeuge (inkl. Nummernschild) wurden in den vergangenen Jahren unzählige Male abgebildet. Da ich jahrelang für einen Automobilclub fotografiert habe, wurden auch Bilder gestellt, in dem meine Fahrzeuge in negativem Kontext abgebildet waren (z.B. bei Verkehrsübertretungen). Auch diese Abbildungen hatten keinerlei Konsequenzen auf mich und meine Fahrzeuge.

• Die Verpixelung der Nummernschilder wird vornehmlich in Deutschland und mittlerweile auch in Österreich praktiziert. In anderen Ländern (z.B. England, Skandinavien, Schweiz), wird die Sache kaum praktiziert.

• Hier eine Auswahl von Kennzeichen meiner im Internet veröffentlichten Fahrzeuge: LL-222FX, W-4492A, W-75524K, W-31833S, LL-645LV, AM-261DK. Jeder, der meint, er könne über diese Kennzeichen etwas über den Zulassungsbesitzer rausfinden, kann es gerne probieren. Er kann die Nummern bei Google eingeben, wird wahrscheinlich bei der Suche auf irgendwelche Elektronikbauteile oder Bibelstellen stoßen und im besten Fall wieder hier landen. Mit etwas Insiderwissen hätte er es auch einfacher erfahren können, dass z.B. ein Fiat 124 Coupe mit dem Kennzeichen LL-222FX einmal mir gehört hat. Auch eine Nachforschung über die Polizei oder die Zulassungsstelle ist nicht so einfach möglich: man muss einen triftigen Grund angeben (z.B. Fahrerflucht). Öffentliche Stellen dürfen aber aus Datenschutzgründen nicht einfach den Zulassungsbesitzer verraten.

• Es gibt immer wieder kuriose Geschichten, in denen erzählt wird, dass jemand aufgrund eines Nummernschildes jemanden ausfindig machte, um kriminelle Handlungen zu setzen. Die meisten dieser Geschichten erscheinen bei näherer Betrachtung derart unlogisch und kurios, dass sie in den Bereich der "urban legends" einzuordnen sind. Im Internet kursieren einige dieser Geschichten, auf die ich hier kurz mal eingehen möchte:

Geschichte 1:

Kriminelle suchen im Internet gezielt nach Kennzeichen und forschen den Fahrzeughalter aus. Haben sie dann den Besitzer gefunden, so brechen sie in dessen Wohnung ein. Denkt man sich diese Geschichte durch, so kommt man schnell zum Schluss, dass es Unsinn ist. Warum sollte ein Einbrecher diesen komplizierten Weg gehen? Noch dazu mit dem Risiko, dass die Sache auffliegt. Wohnung- und Hausseinbrüche werden nach wie vor nach einem primitiven Prinzip begangen. Die Auskundschaftung erfolgt nicht selten über Zustelldienste, sehr oft erfolgt der Zugriff aber spontan ohne jegliche Vorbereitung. Eine Auskundschaftung über anonymisierte Nummernschilder ist mit derart hohem Aufwand und Risiko behaftet, dass sie auszuschließen ist.

Geschichte 2:

Im Jahr 2010 Jahren tauchte ein weitere Geschichte im Netz auf:

"Und so funktioniert der Trick: Die Betrüger suchen gezielt nach Fahrzeugen, deren Kennzeichen vollständig zu sehen sind. Dann kontaktieren sie die Besitzer und geben sich als Interessenten aus. Im Gespräch versuchen sie, weitere Informationen zu bekommen: den Namen und die Adresse des Verkäufers, das Versicherungsunternehmen und die Art der Versicherung. Mit diesen Informationen können sie der Versicherung eine gefälschte Abrechnung über die Reparatur einer Autoscheibe schicken. Dabei wird eine Erklärung verwendet, wonach der Versicherer direkt mit dem Autoglaser abrechnen soll - den es aber gar nicht gibt. So landet das Geld auf dem Konto der Betrüger.

Da der Glasschaden über die Kaskoversicherung abgerechnet und der Kunde dabei nicht hochgestuft wird, informieren die Versicherer in der Regel nicht über die Schadenregulierung. Damit erfährt der Versicherte meist nichts und der Betrug bleibt unentdeckt. Das ist auch der Grund dafür, dass nur eine Autoscheibe und nicht ein teurerer Schaden für den Betrug gewählt wird. Im Schnitt lassen sich so aber immerhin 400 bis 500 Euro ergaunern."

Diese Geschichte tauchte teilweise im selben Wortlaut auf diversen Internetplattformen auf. Auch hier liegt der Hund in der Logik begraben: jemand, der sein Auto zum Verkauf inseriert, hat in der Regel in dieser Zeit auch intensiven Kontakt zum Versicherer (An- und Abmeldung). Zudem sind viele Fahrzeuge während der Verkaufsphase nicht mehr kaskoversichert. Das Risiko für den Gauner, hier aufzufliegen, ist sehr hoch. Kein Gauner wird derart komplizierte Wege gehen, wenn die Sache doch viel einfacher läuft: es gibt unzählige Fahrzeuge, die in der Gegend herumstehen, und auf denen Firmenaufschriften oder Websiten zu sehen sind. Hier ist eine eindeutige und zuverlässige Zuordnung ohne den Umweg über Internet möglich.

• Fazit: meines Wissens gibt es keinen Gesetzestext, der das Fotografieren und Publizieren von Nummernschildern untersagt. Sollte jemand hier einen verbindlichen Gesetzestext oder eine juristischen Streitfall, der explizit die Veröffentlichung von Nummernschildern zum Thema hat, finden, dann freue ich mich über eine Information.

• Ich hatte in der Vergangenheit auch immer wieder Anfragen von Fahrzeugbesitzern, die ihre Fahrzeuge hier präsentieren wollten. Fotos von Fahrzeugen mit verpixelten Kennzeichen haben hier keinen Platz. Entweder wird das Fahrzeug mit dem realen Kennzeichen abgebildet oder ich retuschiere gegen Aufpreis unser motorclassic-Schild oder ein reales Autokennzeichen aus meinem Archiv ein.